(Das vorerst letzte Kapitel zu diesem Thema: Fähren IV ganz unten auf dieser Seite, UM 01. Jan. 2012)
Fähren über
die Girondemündung I
Seit undenklichen Zeiten gibt es Menschen, die vom
nördlichen auf das südliche Ufer der Gironde oder umgekehrt wechseln wollen
oder müssen. Kein Problem, wenn man ein seetüchtiges Schiff und kundige
Fährleute hat. Die musste man sich lange selbst suchen, und dann wusste man als
möglicherweise Ortsunkundiger nicht immer, worauf man sich einließ. Es dauerte,
aus heutiger Sicht fast unverständlich lange, bis in die ersten Jahrzehnte des
20. Jahrhunderts nämlich, bevor aus dem Wunsch nach einer gesicherten und
regelmäßigen Fährverbindung handfeste Bestrebungen um die Realisierung eines
solchen Projekts wurden. Es gab zwar schon privat betriebene Verbindungen
zwischen den beiden Ufern, die jedoch nicht in der Lage waren, Fahrzeuge ohne umständliche
Verladeoperationen an Bord zu nehmen und an das entgegengesetzte Ufer zu
schaffen.
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Aus den Anfängen des geregelten Fährverkehrs zwischen Royan und Le Verdon. Als Fähre diente ein kleiner Schraubendampfer, der hier gerade an einen als Anleger dienenden ausrangierten Schiffsrumpf heranfährt. Hier und auf den folgenden Aufnahmen sieht man, dass die Fährdampfer nur für Personentransporte eingerichtet waren.

Auch diese Aufnahmen, entstanden um 1900, zeigt den oben abgebildeten Ablauf. Der Fährdampfer ist nicht mehr derselbe, ansonsten hat sich aber nicht viel geändert.

Diesmal nähert sich ein kleineres Boot dem Fähranleger; warum der etatmäßige Dampfer nicht erscheint, ist nicht zu erfahren. Die Aufnahme stammt aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Inzwischen ist der Steg zum Anleger deutlich umgebaut und offensichtlich stabiler ausgeführt worden, am Prinzip hat sich aber nichts geändert.

Diese kolorierte Postkarte zeigt wieder den Dampfer.
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Fähren über die Gironde II
Die erste Schrägdeckfähre
1925 wurde erstmals ernsthaft die Einrichtung einer regelmäßigen Fährverbindung für Fahrzeuge diskutiert. Die ins Auge gefasste Lösung sah vor, einen bac transbordeur einzusetzen, eine Fähre also, auf die Fahrzeuge mit eigener Kraft quer zur Schiffsachse auf einer Seite des Schiffes auffahren und nach der Ankunft vorwärts von der Fähre herunterfahren können. Ein solches Fährkonzept verlangte jedoch besondere Hafenanlagen, deren Kernstück schräge Rampen waren, an denen die Fähre je nach Wasserstand anlegen konnte. Es stellte sich heraus, dass die Rampen jeweils 75 m lang sein mussten, damit der Fährverkehr sowohl bei hohem als auch bei niedrigem Wasserstand stattfinden konnte.

Port Bloc, der heutige Fährhafen, vor den Umbauten, die für die Aufnahme des Fährbetriebs für Fahrzeuge erforderlich waren.
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Im März 1934 wurde mit dem Bau einer ersten Fähre, die den Anforderungen eines bac transbordeur genügen sollte, begonnen. Am 2. September 1935 lief die neue Fähre, die auf den Namen Le Cordouan getauft worden war, erstmals in den Port Bloc von Le Verdon ein, um dort eine Reihe von Erprobungen zu durchlaufen. Da für den Fall des Ausfalls der neuen Fähre gleichwertiger Ersatz nicht zu beschaffen war, wurde beschlossen, eine vedette namens Goeland anzukaufen, was dann auch im August 1935 geschah. Sie wurde nach dem Kauf umgetauft in ANNEXE CORDOUAN. Sie war 19,27 m lang, 5,80m breit, hatte zwei Benzinmotoren von je 35 PS und konnte 100 Passagiere (natürlich keine Fahrzeuge) an Bord nehmen.
Die CORDOUAN war laut einer zeitgenössischen Postkarte 42 m lang und 12 m breit, sie hatte eine Wasserverdrängung von 600 Tonnen und brauchte zu ihrem Betrieb 22 Besatzungsangehörige. Dabei konnte sie 300 Passagiere und 20 Fahrzeuge befördern. Die technischen Angaben werden jedoch an kompetenter Stelle anders angegeben: Länge 48 m, Anzahl der Passagiere: 150 und Besatzung insgesamt 12.
Angetrieben wurde sie von zwei Dieselmotoren von je 350 PS, die auf zwei Schrauben wirkten.
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Die Fähre Le Corduan im Hafen von Royan

Ausschnitt aus dem vorhergehenden Bild. Gut zu sehen, das dies ein transbordeur ist, bei dem hier allerdings nur die vordere Hälfte der klappbaren Bordwand herabgelassen worden ist.

Le Cordouan in einem frühen Bauzustand mit hochgeklappten Fährdecksbegrenzungen.

Die Cordouan an der Anlegrampe in Le Verdon ungefähr bei Flut. Wegen des hohen Wasserstandes musste die Fähre am oberen (höchsten) Ende der Rampe anlegen.

Cordouan läuft aus, Aufnahme aus der Zeit kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs
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Fähren über die Gironde III
Weitere Schrägedeckfähren
Die Fähre Cordouan war zwar für die Zeit ihrer Erbauung durchaus modern konzipiert, ihre Betriebsfestigkeit war jedoch nicht sonderlich überzeugend. Daher kam es immer wieder vor, dass die kleinere Goeland allein die Last des Fährverkehrs zu tragen hatte, was jedoch bedeutete, dass nur Fußgänger übersetzten konnten.
Als Im Juni 1940 die deutschen Besatzungstruppen den Südwesten Frankreichs erreichten, bedienten sie sich der Fähre und tauften sie auf den für ein Schiff wenig schmeichelhaften Namen Schildkröte (französische Publikationen machen daraus "Schildkeute"). Als mit Ende des Krieges die deutsche Besatzung zu Ende ging, hatte das für die Fähre schlimme Folgen, denn sie wurde von den deutschen Besatzern versenkt. Im August 1946 war sie wieder notdürftig schwimmfähig, befand sich aber in einem Zustand, bei dem es zweifelhaft erschien, ob sie wieder instandgesetzt werden konnte. Die Entscheidung ging dann aber in Richtung Reparatur und Aufarbeitung, nicht zuletzt, weil kein Geld für einen Neubau aufzutreiben war. In der langen Wartezeit auf die Wiederherstellung der Cordouan wurde versucht, mit einem ehemals amerikanischen Landungsboot, einen vorläufigen Fährverkehr aufzunehmen. Das Experiment zeigte jedoch, dass Landungsboote aus mehreren Gründen ungeeignet waren für die Bedürfnisse des Fährbetriebs.
Da die Arbeiten an der Cordouan sich in die Länge zogen, wurde beschlossen, ein kleineres Schiff in Auftrag zu geben, um wenigstens den Fußgängerverkehr über die Gironde wieder in Gang setzen zu können. So erschien im September 1948 die kleine Palmyre und nahm die unterbrochene Verbindung zwischen Royan und Le Verdon wieder auf.
Am 14. Juli 1949 wurde dann die Cordouan wieder in Betrieb genommen. Bald schon stellte sich jedoch heraus, dass die Hafenanlagen bei Niedrigwasser nicht mehr genutzt werden konnten, weil sie während des Krieges und danach nicht mehr regelmäßig ausgebaggert worden waren. Auch die Fähre zeigte Schwächen und musste daher mehrfach aus dem Verkehr gezogen werden für Werftaufenthalte.
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Port Bloc nach dem zweiten Weltkrieg. Im Hafen liegt die Fähre Cordouan, die diesmal am unteren Ende der Anlegerampe festgemacht hat.
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Der Wunsch nach einem Nachfolger regte sich zwar schon bald, aber erst 1959 wurde der Auftrag zum Bau einer neuen Fähre erteilt, die dann im Juni 1960 in Port Bloc ankam und nach Erprobungsfahrten den Fährbetrieb in der Sommersaison 1960 übernahm.
Die neue Fähre erhielt den Namen Côte d’Argent. Sie war 60 m lang und auf dem Fahrzeugdeck 15 m breit. Angetrieben wurde sie von zwei Dieselmotoren von je 500 PS, die nicht auf herkömmliche Schiffsschrauben, sondern auf Voith-Schneider-Propeller wirkten, die zusammen mit einem schwächeren Bugstrahlruder dem Schiff eine bis dahin ungekannte Manövrierfähigkeit verliehen. Die neue Fähre konnte 60 Pkw oder 15 Lastwagen tragen. Die Zahl der zulässigen Passagiere wurde auf 500 festgesetzt.

Die Côte d'Argent im Einsatz (Aufnahme 1978)
Die Cordouan wurde zunächst stillgelegt. Ihre Besatzung wurde auf die Côte d’Argent versetzt. Die Zuverlässigkeit der neuen Fähre zusammen mit ihrer größeren Leistungsfähigkeit wirkte sich positiv auf die Beförderungsleistungen der Fährverbindung zwischen Royan und Le Verdon aus. Die zunächst langsam und dann immer schneller fortschreitende Motorisierung führt dazu, dass die Pläne, die alte Cordouan aus dem Verkehr zu ziehen, aufgegeben wurden. Da sie jedoch nach der Inbetriebnahme der Côte d’Argent nicht mehr gewartet worden war und auch vorher schon heruntergewirtschaftet war, musste sie zunächst einer gründlichen Aufarbeitung unterzogen werden. Die Arbeiten wurden so abgeschlossen, dass ab 1. Juli 1961 die nunmehr bald 30jährige Cordouan erneut in Dienst gestellt wurde, um einen leistungsfähigeren Verkehr mit zwei unterschiedlich großen Fähren zu starten.
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Weitere Schrägdeckfähren

La Gironde, hier schon ausgemustert im Jahre 2009 im Hafen von Bordeaux. Eigentlich sollte sie umgebaut werden zu einer Art Partyschiff. Als das Geld nicht kam, sollte sie ins Ausland verkauft werden. Als auch daraus nichts wurde, wurde sie abgebrochen.

Le Médocain, die vielleicht eigenwilligste Schrägdeckfähre. Aufffäliig das über dem Schrägdeck gelegene Passagierdeck.

Le Médocain im Hafen von Royan

Begegnung zweier Schrägdeckfähren im Hafen von Royan. Rechts Côte d'Argent, links La Gironde.
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Fähren Le Verdon - Royan IV
Mit dem beständig zunehmenden Verkehrsaufkommen zwischen Royan und Le Verdon zeigte sich mehr und mehr, dass die Schrägdeckfähren, von denen in Spitzenzeiten bis zu drei im ständigen rotierenden Einsatz waren, in der Hauptreisezeit mit dem Andrang nicht mehr fertig wurden. Aus diesem Grund entwickelte man einen neuen Fährtyp, der sowohl eine größere Ladefähigkeit als auch eine größere Geschwindigkeit haben sollte. Dazu sollten die für das Be- und Entladen benötigten Zeiten reduziert werden.
Als Ergebnis dieser Vorgaben entstand ein Fährtyp, der von dem in der Vergangenheit einst durchaus modernen Prinzip des Schrägdecks abging. Stattdessen konstruierte man einen Schiffskörper, der ziemlich symmetrisch aus zwei nahezu gleichen Bug- und Heckhälften zusammengesetzt ist, bei denen es keine Rolle spielt, ob das Schiff vorwärts oder rückwärts fährt. Beide Schiffsseiten können Bug oder Heck sein, je nachdem, in welche Richtung die Fähre laufen soll. Dadurch entfallen zeitaufwendige Wendemanöver an den Anlegestellen und die effektive Ladekapazität vergrößert sich.
Das erste Fährschiff der neuen
Art war La Gironde, die am 20. April 2002 den Dienst aufnahm. Eigentlich müsste sie korrekt La Gironde II genannt werden, da es ja schon zuvor eine Fähre gleichen Namens gegeben hatte.
La Gironde II ist 71 m lang, sie kann 600 Passagiere und 150 Fahrzeuge aufnehmen. Sie benötigt für eine Überfahrt, Zeit für das Be- und Entladen einbegriffen, maximal 20 Minuten. Bei den alten Fähren ging es nicht unter 35 Minuten.
Zunächst wechselte sich La
Gironde mit der noch in Betrieb gehaltenen jüngsten Schrägdeckfähre Le Verdon
ab. Ende 2009 kam dann die zweite neue Fähre L'Estuaire hinzu.
L'Estuaire hat ähnliche Abmessungen wie La Gironde II. Sie ist 78 m lang, 18,5 m breit, wiegt 1.600 Tonnen und kann 600 Passagiere, 146 PKW und 6 Lastzüge aufnehmen.
Beide Fähren werden als "amphidrome" bezeichnet, weil sie vorn und hinten nahezu gleich aussehen. Die ältere La Gironde ist auf einer spanischen Werft entstanden, mit der man nicht gerade zufrieden war. Daraufhin wurde der Bauauftrag für L'Estuaire an eine polnische Werft in Danzig gegeben, die den Schiffskörper, sozusagen als Rohbau erstellte, während die Inneneinrichtung, der Antrieb etc. auf einer französischen Werft besorgt wurden.

Port Bloc in Le Verdon aus der Luft. Zu sehen sind (etwa in der Bilddiagonale) die alte Schrägrampe und darunter der neue Anleger für La Gironde II und L'Estuaire.

Die neue La Gironde,

und ihr Schwesterschiff L'Estuaire.

Links La Gironde (II), rechts L'Estuaire. Aufnahmeort Port Bloc. La Gironde liegt in Ruhestellung. Der nach der Saison wieder überschaubare Fährbetrieb wird allein von L'Estuaire besorgt.

Hier strebt Le Verdon, die letzte in Betrieb gehaltene Schrägdeckfähre, dem Anleger in Royan zu. Aufnahmezeit vor Indienststellung von L'Estuaire, Aufnahmestandort: Port Bloc in Le Verdon.

Auf L'Estuaire. Die Fahrzeuge machen sich bereit für die Abfahrt.

Das leere Fahrzeugdeck von L'Estuaire. Die Bugklappe ist abgesenkt.

Le Verdon, die letzte und modernste der Schrägdeckgfähren, die als Reserve bereitgehalten wird. Im Sommer 2010 hatte sie einen Einsatz als Ersatz der Fähre zwischen Blaye und Lamarque.

Größenvergleich. Le Verdon im Vordergrund, dahinter eine der beiden neuen Fähren, La Gironde (II)
Auch wenn es so aussieht, als ob bei La Gironde und L'Estuaire Bug und Heck sich gleichen wie ein Ei dem anderen, es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied.

Links ist der Bug, rechts das Heck zu sehen. Schiffe, die etwas auf sich halten, geben ihren Heimathafen an, und der steht traditionell am Heck.